Personifizierte Sprachkultur
Manche Personen sind das Maß der Dinge. Eine Person, die den deutschen Sprachgebrauch beleuchtet, reflektiert und diese Erkenntnisse weitergibt heisst Wolf Schneider.
Wolf Schneider, Jahrgang 1925, ist Ausbilder an sechs Journalistenschulen und Autor von zahlreichen Sachbüchern, darunter „Das neue Handbuch des Journalismus“ (zusammen mit Paul-Josef Raue) und „Deutsch! Das Handbuch für attraktive Texte“. Schneider war Nachrichtenchef der Süddeutschen Zeitung, Verlagsleiter beim Stern, Chefredakteur der Welt und 16 Jahre lang Leiter der Henri-Nannen-Schule. 1994 verlieh die Gesellschaft für deutsche Sprache ihm den Medienpreis für Sprachkultur.
Das Gespräch mit Wolf Schneider fand im März 2007 in dessen Wohnung in Starnberg statt, Zehra Spindler führte das Interview.
Wenn die Begriffe sich verwirren, ist die Welt in Unordung (Konfuzius). Könnten Sie das so unterschreiben, Herr Schneider?
Natürlich. Wir merken das gerade wieder: Angeblich hat jetzt der Frühling begonnen. Der Frühling ist eine rein begriffliche Erfindung. Wenn dann am 23. März die Kälte einbricht, hören wir: „ Zwei Tage nach Frühlingsanfang ist der Winter zurückgekehrt und es will einfach nicht Frühling werden, obwohl es seit dem 21. März Frühling ist.“ Also ein typischer Fall von Begriffsquälerei. Beim Frühling ist das kein Ärgernis. Aber wenn Sie an „Gleichheit“, „Gerechtigkeit“ oder „Sozialer Fortschritt“ denken, merken Sie, welches Unheil wir mit unseren Begriffen anrichten.
Die Politik ist das Paradies zungenfertiger Schwätzer (George Bernard Shaw). Gilt das auch für das Feuilleton?
Nein, zungenfertig müssen sie dort nicht sein. Schwätzen auf erhabene Weise, das tun Etliche in unseren großen Feuilletons. Mit dem Anspruch, „dass um Gottes Willen 90 Prozent der möglichen Leser mich nicht verstehen. Es wäre unter meiner Würde, wenn ich von zu vielen Leuten verstanden würde.“ Ich finde in jeder Süddeutschen, in jeder FAZ und in jeder Zeit Beispiele für einen erhabenen, mit anderen Worten: schamlosen Umgang mit den Lesern. Im Feuilleton. Sonst selten.
Man findet oftmals mehr als man zu suchen glaubt (Pierre Corneille). Bestätigt folgende abgewandelte Form Ihre Meinung „Man schreibt oftmals mehr, als man zu berichten hat.“?
Ja. Ein guter Text entsteht, wenn Sie viel weniger schreiben, als Sie wissen.
Der Stil kann nicht einfach und klar genug sein (Stendhal)
Nicht klar genug sein: allemal. Nicht einfach genug sein: mit Einschränkung. Er soll transparent sein. Aber das bedeutet nicht, dass man in lauter kurzen Hauptsätzen schreiben müsste. Man soll nur durchsichtige Sätze schreiben, denen der Leser mühelos folgen kann. Das kann auch mal ein weniger einfacher Satz sein. Beispiel Lichtenberg: Wenn du die Geschichte eines großen Verbrechers liest, so danke dem gütigen Himmel, dass er dich mit deinem ehrlichen Gesicht nicht an den Anfang einer solchen Reihe von Umständen gestellt hat. — Das ist nicht einfach, aber sehr schön der Reihe nach transparent. Ein wunderbares Deutsch!
Was ein richtiger Musiker sein will, der muss auch eine Speisekarte komponieren können (Richard Strauss). Was ein richtiger Journalist ist muss auch …was können, Herr Schneider?
Man darf vor keiner Schreibaufgabe kapitulieren. Ein guter Berufsschreiber sollte fähig sein, über komplizierte Dinge einfach und über langweilige Dinge interessant zu schreiben. Ein klassisches Beispiel aus dem Stern: Da wurde zitiert, dass die Süddeutsche eine mehrspaltige Überschrift gemacht hatte, in der der Begriff „Kommunaler Finanzausgleich“ vorkam. Die Stern–Regel lautet: Wenn du schon über „kommunalen Finanzausgleich“ schreibst, so steht das Wort 1. nicht in der Überschrift, 2. nicht in der Unterzeile, 3. nicht im ersten Satz und 4. nicht im ersten Absatz. Sondern: Wenn du im ersten Absatz etwas gefunden hast, was diese verdammte Sache interessant macht, kannst du im 2. Absatz mitteilen „das lautet übrigens komischerweise ´kommunaler Finanzausgleich´.“ Auf der Lauer liegen, auch das fern Liegende oder hässlich Klingende wieder interessant machen, das ist guter Journalismus.
Gedanken sind nicht stets parat, man schreibt auch wenn man keine hat (Wilhelm Busch)
Hübsch gesagt. Und sicher auch eine faire Beschreibung des real existierenden Journalismus. Ich bemühe mich, mich davon frei zu halten.
In einem Artikel in der Zeit (Anm.: Ich hatte einen Traum, Zeit, 2005) in dem Sie über die Aussicht auf einen respektvollen Umgang mit der deutschen Sprache sinnieren, sagen Sie, dass Sie es unterlassen würden, Sportler kurz nach dem Wettkampf zu interviewen.
Im Gegenteil. Ich lade die Intendanten ein, ihren Sportreportern zu verbieten, dass sie auf den schwitzenden Sportler losrennen und ihm das Mikrofon entgegenstrecken. Ein schwitzender Sportler redet zwangsläufig Unsinn. Früher haben drei Leute ihn gehört. Jetzt hören ihn drei Millionen. Das ist eine Katastrophe für das öffentliche Sprachgefühl.
Add comment September 12, 2007
Das schönste Wort
Das Buch “Das schönste deutsche Wort ” wurde vom Deutschen Sprachrat und dem Goethe Institut im Hueber Verlag herausgebracht: Liebeserklärungen an die wunderbare deutsche Sprache und ihre Wortschöpfungen.
Die Bevölkerung hat ihren Wortschatz beäugt und zahl- sowie wortreich eingesandt. Sie ritterten um Wohlklang, inhaltliche Botschaft, Rhytmus und Vokalreichtum und gewannen, sofern die Liebeserklärung des Wort-Schatzgräber plausibel war.
(M)ein Sammelsurium daraus -ganz ohne Plausibilitätsanspruch ;o)
Liebäugeln wir im Wirrwarr zwischen Pampelmuse und Erdbeermund, tafeln wir in wundersamer Zweisamkeit schlaftrunken wie Turteltäubchen, schlagen wir einen kunterbunten Purzelbaum unter dem Himmelszelt und begegnen der klitzekleinen Regenbogenforelle und der wohlwollenden Pusteblume die an der Wanderbaustelle bei Sommerregen herzzerbrechend voller Mitgefühl ein Vergissmeinnicht anstimmen.
Fortsetzung folgt
Add comment Juli 28, 2007
Social Software
Schöne neue Webwelt. Nicht nur ich beschäftige mich mit dir – folgende Bücher haben ich letztlich gesichtet.
Manche fand ich brauchbar, und manches beeindruckend. Meine Kurzrezension:
Positiv überrascht war ich vom handlichen lila Kleinformat von entwickler.press mit dem Titel “Social Software”. Locker und flockig – mit wenigen Worten viel gesagt. Social Software ist lt. Autoren übrigens eine “Untermenge von Web 2.0″ und folgende Voraussetzungen seien für deren Entstehung bzw. der Verbreitung notwendig gewesen:
Die Bereitschaft der Nutzer, …
- … selbst Inhalte für das Web zu schaffen (user generated content)
- … ihre Anonymität im Netz teilweise (oder ganz) aufzugeben.
Ihr bringt es auf den Punkt und verdient ungeschaut 10 von 10 übersichtlichen Punkten!
Web 2.0 von Tom Alby in der 2. überarbeiteten Auflage bietet eingehende Erläuterungen für die Entstehung von Web 2.0, erklärt was Blogs und Podcasts sind und wie man sie bedient/erstellt. Anschließend wird im 4. Kapitel Social Software erläutert – wobei hier Social Networks als Unterkategorie von Social Software angeführt werden (klar).
Folgende Unterteilung bietet das Inhaltsverzeichnis:
Wikipedia, Skype, del.icio.us, FlickR, Lycons iQ, last.fm, XING, MySpace, StudiVZ, Orkut, 43Things.com, digg.com, Plazes.com, YouTube
Es folgen Kapitel über Folksonomy (Indexierung), dem Web als Plattform, Technologien/Entwicklungskonzepte, Geschätsmodell, Warten auf Web 3.0 und Interviews mit bekannten Bloggern.
Alles in allem gut für den Start für jene, die sich noch gar nicht auskennen und ein umfassendes Bild möchten.
Super übersichtlich, sauber Schritt für Schritt erklärt: 8* von 10 strukturierten Punkten
*die Logik der so mancher Kategorisierung bleibt im Verborgenen…
Add comment Juli 28, 2007
Weil´s schön ist – Teil 3 (Normalnull)
Teil 3 der Serie Infos die die Welt nicht braucht – aber doch so schön sind
)
- Von Süden betrachtet ist die Zugspitze 27 cm höher, als von von Norden betrachtet. Möglich ist das durch die nationalen Festlegungen für die Meeresspiegelhöhe (Normalnull). In Deutschland wird die Meereshöhe nach dem Amsterdamer Pegel, dem rechnerischen Mittelwasser der Nordsee bestimmt. Die Definitionen in anderen Ländern richten sich nach anderen Orientierungspunkten, so in Österreich nach dem Triester Spiegel, der etwa 27 cm unter dem deutschen Normalnull liegt.
Keine Null ergeben …
- … die beiden höchsten IQs, die je nach Standardtests ermittelt wurden. Nur so nebenbei: sie sind von Frauen…
Tragt es mit Fassung Jungs, ihr schafft das auch irgendwann!
Add comment Juli 28, 2007
Web-Revolution 2
Ein Auszug aus dem Brand Eins Artikel – der mir (und sicher vielen anderen aus den Herzen schreibt) – untenstehend nur der Teil der sich auf Coke bezieht (siehe Bespiel Web-Revolution)
“Wenn Marken sich als Träger von Bedeutung und Sinn im Leben ihrer Kunden etablieren sollen, müssen es die Hersteller aushalten, wenn mit diesen Bedeutungen gespielt wird. Wie das geht, hat Apple vorgemacht: Auf George Masters privatem Promo-Film für den i Pod, der 2004/2005 für Furore sorgte und zumindest virtuelles Vorbild vieler CGA-Aktionen wurde, reagierte Apple genau richtig. Nämlich gar nicht. Wozu einen 37-jährigen Lehrer verfolgen, wenn er kostenlos Werbung für ein Produkt macht – selbst wenn er dabei Urheberrechte verletzt?
Für manche Marken scheint der kreative Nutzer dagegen auf den ersten Blick keine Bereicherung zu sein, sondern eine Bedrohung des offenbar schwach ausgeprägten Selbstbewusstseins. Coca-Cola zum Beispiel reagierte total humorlos auf ein Video zweier Spaßvögel, die sich mit der explosiven Wirkung von Coke Light plus Mentos an die Spitze der Youtube-Charts katapultierten und eine Serie von Nachahmern inspirierten. Ein Coke-Sprecher erklärte verschnupft: “Es wäre uns lieber, die Leute würden Cola Light trinken, statt damit herumzuexperimentieren.”
FAZIT im O-Ton: Wenn Kinder mit Mentos und Cola Chemiebaukasten spielen, kann man entweder böse gucken – oder es finanzieren
Add comment Juli 28, 2007
Web-Revolution
Folgt nach integrierter und crossmedialer Kommunikation nun die Kommunikations-Revolution?
Wenn freie Meinungsäußerung (auch von Konsumenten) als revolutionär bezeichnet wird, dann bietet das “neue” Web die Basis für diese Art der Kommunikation, die nicht kontrollierbar “einfliesst”. Klar, dass das für die auf Dauersonne eingestellte Kommunikation und das auf Hochglanz polierte Image eines Unternehmens nicht einfach, weil nicht kontrollierbar ist. Und falls es im Unternehmenssinne “falsch” läuft, dann erreicht die vielleicht kontroversielle Meinung viele weitere Empfänger.
So ist das im digitalen Zeitalter (schon lange) – also doch keine Revolution, doch die Demokratisierung von Information hat begonnen. Damit ist die Marke als zentraler Konzentrationspunkt und Kristallisationfläche eines Unternehmens im sozialen Kontext gefordert – soll doch an allen Kontaktpunkten ein einheitliches (positives) Markenbild erscheinen.
Für alle Unternehmer, die sich entscheiden, NICHT am Dialog im Netz teilzunehmen, richte ich einen Appell: Wenn Sie bildlich gesprochen “den Mund halten” und nicht kommunizieren, öffnen Sie wenigstens Augen und Ohren. Denn die Geräusche im Netz zu überhören, kann Sie teuer zu stehen kommen. – Auch wenn das niemandem zu wünschen ist!
Beispiele dafür gibt es zuhauf, ich verweise nur auf die verbreitetsten: Kryptonite, Coca-Cola oder auch potente Kommunikatoren wie Jung von Matt – reagierten abweisend, kurzsichtig, trotzig. Der Schaden machte sie klüger!
Add comment Juli 28, 2007
Weil´s schön ist – Teil 2 (zahl(en)reich)
Teil 2 der Serie Infos die die Welt nicht braucht – aber doch so schön sind
)
Das Wichtigste gleich vorab:
- Es gibt auf der Welt mehr Hühner als Menschen.
- Das hawaiianische Alphabet hat nur zwölf Buchstaben.
- Die Nationalhymne von Griechenland umfasst 158 Strophen. Kein Grieche kennt sie alle.
- Durch ein Erdbeben am 16. Dezember 1811 floss der Mississippi rückwärts.
- Zwei Drittel der Welternte an Auberginen wächst in New Jersey.
Ganz klar, kann gar nicht anders sein, wolltest du sagen. Jo und überhaupt:
-
- Die Große Oktoberrevolution in Russland 1917 fand im November statt.
- Aus China ist seit 875 der Gebrauch von Toilettenpapier belegt.
- Der Buckingham Palast hat 602 Räume.
Add comment Juli 17, 2007
Weil´s schön ist – Teil 1 (tierisch)
Teil 1 aus der soeben begonnen Serie:
Infos die die Welt nicht braucht – die aber trotzdem schön sind
)
- Tiger haben gestreifte Haut, nicht nur gestreiftes Fell.
Ok – auf vielfachen Wunsch – noch eine erkenntnisreiche Info:
- Die Vereinigten Staaten haben noch nie einen Krieg verloren, in dem Maultiere eingesetzt waren.
Lasset uns die weit reichende Erkenntnisse weiterreichen… ihr wisst schon ;o)
Add comment Juli 13, 2007
Dialog in Reinkultur
Im 25. Beitrag des “rasenden Reporters” auf Mario Sixuts Website findet sich ein auf das Dialog-Thema zugeschnittener Beitrag: Christoph Schultheis und Stefan Niggemeier über Bildblog
Zitat: ”Im Internet zu publizieren fördere “die Demut gegenüber dem Leser”, beschreibt Bildblog-Mitgründer Christoph Schultheis seine Erfahrungen mit der Internet-Publizistik. Dieser direkte Dialog mit dem Nutzer sei den meisten klassischen Journalisten fremd.
Seit fast drei Jahren notieren die beiden Medienjournalisten Stefan Niggemeier und Christoph Schultheis die Verdrehungen, Übertreibungen und Unwahrheiten, die Deutschlands größte Boulavardzeitungen täglich über ihre Seiten streut. Bisher ist den beiden—trotz bisweilen unsicherer Finanzlage—die Lust an dem Projekt noch nicht vergegangen, sagt Niggemeier, “und auch die Wut nicht”.
Links: Bildblog
Zum Thema im Handelsblatt: Bild-Störung
Add comment Juli 13, 2007
Markenlexikon.com: Einfach großartig!
| Weil ich es großartig finde, was Herr Karsten da auf die Beine gestellt hat, erlaube ich mir, hier den KONTAKT-Eintrag seines Markenlexikons auszugsweise wieder zu geben, um Interessierte dorthin zu linken. Es geht los – im O-Ton: “Über uns” müsste eigentlich “über mich” lauten, denn bis zum aktuellen Tag betreibe ich – zum Erstaunen vieler Portalbesucher – Markenlexikon.com vollständig alleine und unabhängig von Einflüssen Dritter, wobei ich immer wieder von Ihnen, liebe Portalbesucher, via Telefon und E-Mail tolle Anregungen, Tipps & Hinweise erhalte, die ich gerne berücksichtige, da sie dazu beitragen, dass Markenlexikon.com kontiniuierlich verbessert und erweitert werden kann. Im Folgenden nähere Informationen zu Markenlexikon.com und zu meiner Person: |
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| Idee, Inhalt & Bereiche – von Markenlexikon.com Stimmen & Meinungen – zu Markenlexikon.com Auch Aktuelle Veröffentlichungen uvm. mehr findet sich auf seiner Seite unter www.markenlexikon.com. – Bei der Einstiegsseite nicht erschrecken – danach wird´s wirklich gut ;o) Versprochen! |
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Add comment Mai 30, 2007